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Die Zahlen sind erschreckend hoch

 

Der Schock traf sie umso heftiger, als „niemand während meiner Schwangerschaft auch nur erwähnt hatte, dass so etwas passieren kann. Man denkt, nach den ersten drei Monaten ist die Gefahr vorbei“ sagt sie. Heber leitet das Überwachungsbüro des US-Umweltamtes EPA in Washington D. C., und in den Wochen nach Elisabethas Tod betäubte sie ihren Schmerz, indem sie Totgeburten studierte wie ein Schadstoffproblem. Sie rief Experten an und brütete über Statistiken. Was sie herausfand, entsetzte sie. Jades Jahr sterben in den USA mehr als 26000 Föten, die längst über das riskante erste Trimester hinaus sind. Oder anders ausgedrückt: Mindestens eine von 149 Gebärenden bringt ein totes Kind zur Welt. Oder noch anders gerechnet: drei pro Stunde. „Meine Gynäkologin sagte: , Liebe Güte, Margarete, das klingt aber hoch. Bist du sicher, dass die Zahlen stimmen?`“

Sie tun es, und nicht nur in Amerika. Auch in Deutschland, das deutlich weniger Geburten hat, sterben nach Angaben des Statistischen Bundesamtes jährlich rund 3000 Babys, noch bevor sie geboren werden. Damit spricht die Zahl der Totgeburten – in den USA wie in Deutschland – in etwa der Zahl der Kleinkinder, die jährlich umkommen, aus welchen Gründen auch immer. Und bei rund der Hälfte der Totgeburten finden die Mediziner nie heraus, was die Babys tötete.

In einer Ära, in der Reproduktionsmediziner und Chirurgen Föten im Mutterleib operieren, sind Totgeburten in den Worten eines Arztes, „das große Rätsel der Geburtshilfe.

Größten Teils liegt es daran, dass sich bislang kaum ein Forscher um die toten Babys kümmerte. Lässt Ruth Fretts von der Harvard Medical School die Namen der Kollegen weltweit an sich vorbeiziehen, die sich wie sie mit Totgeburten beschäftigt, ist sie schnell fertig. “Es sind ein Dutzend, nein, weniger als zehn“, sagt sie. „Es sterben elfmal mehr Babys an Totgeburten als am plötzlichen Kindstod. Aber das wird viel intensiver erforscht.

Totgeburten werden vielerorts nicht einmal systematisch erfasst, geschweige denn konsequent untersucht. So mager ist das Wissenschaftliche Interesse, dass die wenigen Forscher ihre Studien zumeist selbst bezahlen. Selbst die Definition des Begriffes ist Willkürlich. In den USA zählt ein Fötus von der 20. SSW an als Totgeburt, in Großbritannien von Woche 24 an. In Deutschland muss ein Baby 500 Gramm auf die Wage bringen (bis 1994 waren es 1000 Gramm), in der Schweiz muss es 30 Zentimeter lang sein. „Wir kennen in Deutschland keinen einzigen Forscher, der sich mit dem Thema beschäftigt, und wir sind führend auf dem Gebiet“, sagt Martina Severitt, Sprecherin der Vereinigung Regenbogen – glücklose Schwangerschaft, einer bundesweiten Initiative für Eltern tot geborener Babys. Severitt verlor zwei ihrer sechs Kinder in den letzen Schwangerschaftswochen.

Margarete Heber wollte das Forschungsdefizit nicht hinnehmen. Sie bombardierte das staatliche US-Gesundheitszentrum NIH mit E-Mails, Telefonaten und Fakten. „Keiner sollte heutzutage noch eine Totgeburt erleben müssen“, befand sie, und niemand, der auch nur eine Stunde mit ihr verbracht hat, überrascht es, dass es das Institut war, das zuerst nachgab. Im vergangenen Herbst startete das National Institut of Cild Health and Human Development die erste Phase eines 15-Millionen-Dollar-Programmes, das erkunden soll, warum ungeborene Babys sterben. Es dürfte die erste groß angelegte Studie zum Thema überhaupt sein, vermutet Cathy Spong, Leiterin der Abteilung Schwangerschaft und Perinatologie. „Wir haben jedenfalls sonst nichts gefunden.“ Erstes Ziel ist, zu prüfen, ob die Zahlen stimmen – Spong befürchtet, dass sie eher zu niedrig sind. „Die Statistik erfasst nur jene Totgeburten, die gemeldet werden“, sagt sie. Die Dunkelziffer könnte um 10 bis 15 Prozent höher liegen. „Das ist die Schätzung, wir haben keine Ahnung. Das Ganze ist noch sehr wenig erforscht“ Nur warum? „Ich weiß es nicht“, sagt sie und runzelt die Stirn. „Ich weiß es nicht.“

Es ist, als ob sich Schmerz; Hilflosigkeit,  Angst und ein kulturelles Unbehagen gegenüber dem Tod – vor allem von Kindern – zu einem undurchdringlichen Schleier verwebten. Ärzte bringen es oft nicht übers Herz, die geschockten Eltern zu bitten, ihr totes Kind dem Messer der Pathologie zu überlassen – obwohl eine Autopsie oft die einzige Chance biete, eine Todesursache zu finden. Oder sie befürchten, von den Eltern wegen Kunstfehlern angezeigt zu werden, und möchten das Geschehene selbst schnell abhaken. Auch schreckt gerade in Amerika ab, dass tot geborene Babys unangenehm an den Streitpunkt Abtreibung erinnert – und davon lässt man besser die Finger.

Die Eltern ihrerseits zerfressen sich mit Selbstvorwürfen. War es das eine Glas Wein vor zwei Monaten, das dem Baby schadete? Der Flug in den Urlaub? Der Stress im Büro? Tatsächlich ist es für eine Mutter fast unmöglich, ihr Kind so spät in der Schwangerschaft zu töten. Doch Rationalität ist ein schwerer Gegner für Mutterinstinkte. „Das Baby hatte nur dich, und du hast es getötet“, sagt selbst Heber, die Naturwissenschaftlerin.

Solche Schuldgefühle können das Streben nach Antworten ersticken. „Meine Frau kam aus der Klink, setzte sich vor den Fernseher, und dort saß sie dann von vier Uhr nachmittags bis vier Uhr morgens“, sagt Richard Olsen, der sein einziges Kind, Camille, aus ungeklärten Gründen vor zwei Jahren am Tag seiner Geburt verlor. „Und das machte sie dann vier Monate lang“, sagte er, jede Silbe vibrierend vor unterdrücktem Zorn. Olsen der nach Camilles Tod eine Selbsthilfegruppe gründete, fand eine Zahl, über die er nicht hinweg kommt, 106 Millionen Dollar haben die US-Regierung im Jahr 2000 für die Erforschung von Polio bereitgestellt, glaubt er herausgefunden zu haben. „Wann starb in diesem Land das letzte Mal jemand an Kinderlähmung?“ fragt er erbittert.

 

"DIE ZEIT" von Ute Eberle

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